15.8.1901
Anwesend Herr Dr. Kolbe und 10 Mitglieder. Herr Dr. Kolbe liest ein Schreiben vom Vorstande der Sanitätskolonnen des Regierungsbezirks Kriegerverbandes in Koblenz vor, in welchem mitgeteilt wird, dass am 1 Sept. eine größere Übung der Sanitätskolonnen in Koblenz stattfindet und wird angefragt, ob unsere Kolonne an der Übung teilnehmen will. Herr Dr. Kolbe stellte diesen Punkt zur Diskussion und wurde darauf, hin beschlossen an der Übung teilzunehmen.
24.27.29/8.1901
An diesen Abenden wurden sämtliche Übungsgegenstände durchgenommen.
30.8.1901
Um 6 ½ Uhr abends versammelte sich die Kolonne auf der Range am hiesigen Güterschuppen, um das Einladen von Kranken in Eisenbahnwagons zu üben. Nach der Übung fand noch eine kurze Zusammenkunft im Vereinslokale statt wo die letzten Vorbereitungen zur Reise nach Koblenz noch getroffen würden.
1.9.1901
Sonntag, den 1 Sept. war dann der Tag gekommen, an welchem die Kolonne, ihr Können, zum ersten Male neben andern zeigen sollte. Auf Antrag des Herrn Dr. Kolbe war von der Eisenbahndirektion Frankfurt zur Fahrt nach Koblenz ein Güterwagen zur Verfügung gestellt worden. Derselbe wurde in dem um 5.08 morgens von hier nach Köln abfahrenden Personenzug eingestellt. Die Kolonne fuhr in dem, mit der von Kolonnenführer Schneider konstruierten Eisenbahntransportvorrichtung ausgestatteten Wagen in der Stärke von 16 Mann nach Ehrenbreitstein. Herr Dr. Kolbe konnte leider nicht an der Fahrt nach Ehrenbreitstein teilnehmen, da derselbe durch Krankheit seiner Frau daran verhindert war. Er fuhr jedoch bis Schladern mit, um die neue Eisenbahntransportvorrichtung während der Fahrt zu erproben.
Vom Kriegerverein fuhren die Kameraden Krausskopf und Fr. Ermert in demselben Wagen mit. Der stellvertretende Vorsitzende des Kriegervereins Kamerad Römisch und Kamerad Steinwäscher je fuhren mit dem um 9 Uhr hier abfahrenden Personenzuge nach.
Die Kolonne traf gegen 9 Uhr morgens in Ehrenbreitstein ein, und wurde dort von 2 Mitgliedern der Koblenzer Kolonne in Empfang genommen.
Um 3 Uhr nachmittags traten die Kolonnen auf dem städtischen Schlachthofe in Koblenz an. Daselbst hatten sich eine Anzahl höhere Offiziere und Sanitätsoffiziere versammelt, um der Übung beizuwohnen. Die Übung wurde nach der, den Kolonnen schon vorher schriftlich zugegangenen Idee ausgeführt.
Mit dem Erfolg der Übung kann unsere Kolonne sehr zufrieden sein, denn es erhielten alle besetzte Tragen ein Lob. Großes Aufsehen erregte die neue Eisenbahntransportvorrichtung. Der Güterwagen, in welchem dieselbe aufgestellt war, wurde nicht leer von berufenen Kritikern, welche sich nur anerkennend aussprachen. Hoffentlich steht dieser neuen Erfindung eine gute Zukunft bevor. Nach Schluss der Übung fand eine gemütliche Zusammenkunft in der Turnhalle in der Clemensstr. statt, wo unter Reden, Toasten und munteren Lieder die Stunden allzu schnell verstrichen. Um 9 Uhr abends wurde dann die Heimreise angetreten, leider durfte dieselbe nicht in dem morgens mitgebrachten Güterwagen erfolgen. Mit dem Nachtszuge kam die Kolonne wieder wohlbehalten hier an. Die Mitglieder gingen nun mit dem Bewusstsein auseinander die besten Erfolge für die Kolonne errungen zu haben. Möge die Kolonne auf der betretenen Bahn weiter fortschreiten und sich auch Ferner bestreben immer was Tüchtiges zu leisten.
Wie dem Auszug aus dem Protokollbuch zu entnehmen ist, wurden zunehmend auch Straßen und Eisenbahnen für den Transport kranker und verletzter Personen herangezogen. Im Amtlichen Unterrichtsbuch von 1927 werden dabei verschiedene Vorgehensweisen für den Krankentransport per Eisenbahn differenziert.1
Neben vollständig ausgestatteten Lazarett-Eisenbahnwagen konnten auch reguläre Wagenklassen für Leichterkrankte eingesetzt werden. Für den Transport Schwerverletzter war der Einsatz von Güterwagen vorgesehen.² (siehe Abb. 2.1). Hierfür waren unterschiedliche Unterkonstruktionen und Vorrichtungen zur Fixierung und Lagerung der Tragen erforderlich.
Im Unterrichtsbuch werden insgesamt sechs verschiedene Systeme beschrieben: die Hamburger Vorrichtung (Abb. 2.2), die Grundsche Vorrichtung (Abb. 2.3), die gemischte Vorrichtung, die Linxweilersche Vorrichtung, die Behelfsvorrichtung sowie die Halb-Behelfsvorrichtung. Während die Hamburger Vorrichtung eine Abspannung von der Wagendecke vorsieht, wodurch ein übereinander Hängen der Tragen ermöglicht wird, basiert die Grundsche Vorrichtung beispielsweise auf einer bodenseitigen Befestigung mittels Blattfedern (vgl. Abb. 2.2 und 2.3).
Auch das Be- und Entladen erforderte spezielle Verfahren (Abb. 2.4 und 2.5). Im Falle von Straßenbahnen gestaltete sich die Beladung besonders herausfordernd, da diese teilweise über die Fenster erfolgen musste. Die praktische Einübung dieser Verfahren ist auch für unsere Betzdorfer Sanitätskolonne nachweisbar, wie bereits im Protokollbuch dokumentiert wurde.
1Im Amtlichen Unterrichtsbuch für die Sanitätskolonnen, Genossenschaften freiwilliger Krankenpfleger und Samaritervereine vom Roten Kreuz, verfasst von Dr. Hermann Cramer, 1927, S.138-148
2Handbuch für den Krankentransport, Franz Steingruber, 1957, S.5
Die Arbeit an diesem Projekt, insbesondere das Durchforsten unserer eigener Vergangenheit anhand verschiedenster Zeitzeugnisse und Quellen, haben wir als äußerst spannend und bereichernd empfunden. Diese Sammlung liegt uns sehr am Herzen und soll auch künftig weiter ausgebaut werden.
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